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Johannes vom Kreuz (Juan de la Cruz)
erstellt von Dr. Gerhard Viehhauser
Nach Theresa von Avila gilt für uns heuer als Jahresheiliger der Johannes vom Kreuz. Wie Theresa gehört er zum Orden der Karmeliten und hat für die Erneuerung des geistlichen Lebens im Orden und in der Kirche gewirkt. Theresa von Avila hat Johannes vom Kreuz bewundert als geistlichen Begleiter und Beichtvater geschätzt und verehrt. Sie schreibt über ihn: Obwohl er von Natur aus klein ist, so weiß ich doch, dass er groß ist in den Augen Gottes. Er war so fromm, dass ich mehr von ihm lernen konnte, als er von mir. Keiner hat mich so gut auf den Weg des Himmels geführt und er ist der Vater meiner Seele.
Johannes war mit Theresa von Avila in tiefer Freundschaft verbunden.
Herkunft und Begabung
Johannes vom Kreuz wurde 1542 in dem kleinen Dorf Fontiveros in der Nähe von Avila in Kastilien als Sohn des Gonzalo de Yepes und der Catalina Alvarez geboren.
Sein Vater war adeliger Herkunft, wurde aber wegen der Heirat seiner bürgerlichen, armen Frau, enterbt und aus dem Hause verbannt. Er musste sich den Lebensunterhalt durch das Weberhandwerk verdienen. Johannes kam also in sehr armen Verhältnissen zur Welt.
Als Johannes neun Jahre alt war, starb sein Vater, die Mutter verdiente sich den Lebensunterhalt als Tagelöhnerin. Johannes kam in ein Waisenhaus, wo er das Tischlerhandwerk, die Schnitzkunst, die Schneiderei und Malerei erlernte. Er war vielseitig begabt.[1]
Letztlich aber waren all diese Berufe nicht das, wofür Johannes sein Leben verbringen wollte. Aufgrund seiner menschlichen Qualitäten und seiner Fähigkeiten zum Studium wurde er zunächst als Krankenpfleger im Hospital der Empfängnis, dann im Kolleg der Jesuiten aufgenommen, das kurz davor in Medina del Campo gegründet worden war. Dort trat er mit 18 Jahren ein und studierte drei Jahre die Geisteswissenschaften, Rhetorik und die klassischen Sprachen. Am Ende seiner Ausbildung erkannte er seine Berufung zum Orden. Er lief mit 21 Jahren davon, trat in Medina in den Orden der Karmeliten ein und begann im Sommer 1563 sein Noviziat. Sein Ordensname war Matthias.
Seine Vorliebe für harte und strenge Disziplin erregte einerseits Bewunderung, andererseits aber auch Ablehnung. Er wurde als ernsthafter Ordensmann geschätzt. Weil er so begabt war, schickten ihn die Karmeliten zum Studium zur berühmten Universität nach Salamanca. Dort studierte er drei Jahre Kunst und Philosophie. 1567 empfing er die Priesterweihe und lernte Theresa von Avila kennen. Johannes war unzufrieden mit dem damals zu leichten Leben der Karmeliten. Er wollte die Karmeliten verlassen und Kartäuser werden.
Erneuerung (Reform)
Theresa von Avila legte ihm ihren Reformplan für den Karmel vor, der auch den männlichen Zweig des Ordens betraf, und schlug Johannes vor, ihr dabei „zur größeren Ehre Gottes“ zu helfen.
Der junge Priester Johannes war sehr begeistert von diesem Projekt Theresas und stieg auf ihren Vorschlag ein.
Von nun an arbeiteten beide an ihrem Plan und setzten sich für die Erneuerung der Karmeliten ein.
Am 28. Dezember 1568 eröffneten sie ihr erstes Reformkloster der Unbeschuhten Karmeliten[2]in Duruelo, einem einsamen Ort in der Provinz von Avila.
Johannes bildete mit drei Gefährten diese erste männliche Gemeinschaft und nahm einen neuen Namen an. Von nun an nannte er sich von Kreuz. So kennen wir ihn jetzt als Johannes vom Kreuz. Mit Theresa von Avila verband ihn eine tiefe Freundschaft.
Johannes wurde Novizenmeister, Prediger und ein gesuchter Beichtvater. Er lebte radikal einfach und in sich gekehrt, packte bei den Bauarbeiten selber an, riss alte Mauern nieder, schleppte Schutt und schmückte Altäre. Er konnte mit Hochgebildeten und mit ganz einfachen Leuten sehr gut umgehen und war eine menschlich äußerst reife Persönlichkeit. Seine Mystik war nicht abgehoben, sondern Gotteserfahrung zum Aufbau der Kirche.
Kerker und Haft
Leider handelten die Reformer rund um Johannes nicht immer klug und urteilten manchmal von oben auf die anderen herab. Es entstanden Zwistigkeiten, die Johannes hart zu spüren bekam. Er wurde verfolgt, durch Verleumdung angeklagt und 1577 in Toledo in ein Kloster eingekerkert als ein Exempel, das man damit statuieren wollte. Im Kerker verfasste er unter anderem den „Cantico Espiritual“[3]. Er hatte die Vision des Gekreuzigten in bildhafter Klarheit: Der Gekreuzigte horizontal nach unten aus der Ewigkeit in Raum und Zeit hereinbrechend. Fünf Zentimeter misst diese in Tusche angefertigte Zeichnung in seiner größten Breite.
In der Nacht vom 16. auf den 17. August 1578 gelang Johannes nach acht Monaten in einer abenteuerlichen Aktion die Flucht aus der Einkerkerung. Er floh in das Kloster der Unbeschuhten Karmeliten der Stadt.
Bedeutende Persönlichkeit der Karmeliten
Schon kurze Zeit nach seiner Flucht wurde Johannes nach Andalusien geschickt, wo er zehn Jahre in verschiedenen Konventen verbrachte, besonders in Granada. Er bekleidete im Orden immer wichtigere Ämter, bis hin zum Provinzvikar, und beendete die Niederschrift seiner geistlichen Werke. Im Karmel von Segovia war er Ordensoberer des Karmel.
1591 wurde Johannes in die neue Ordensprovinz in Mexiko entsandt. Während er sich zusammen mit zwölf Mitbrüdern auf diese lange Reise vorbereitete, zog er sich in einen einsamen Konvent in der Nähe von Jaén zurück, wo er schwer erkrankte.
Johannes verstarb in der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1591, während die Mitbrüder die Matutin (das klösterliche Nachtgebet der Kirche) beteten. Er verabschiedete sich von ihnen mit den Worten: Heute gehe ich, das Offizium im Himmel zu beten.
Seine sterblichen Überreste wurden nach Segovia verbracht. Er wurde 1675 von Clemens X. selig und 1726 von Benedikt XIII. heiliggesprochen. Papst Pius XI. ernannte ihn 1926 zum Kirchenlehrer.
Hauptwerke
Die vier Hauptwerke von Johannes sind: Empor den Karmelberg, Die dunkle Nacht, Der Geistliche Gesang und Die Lebendige Liebesflamme.
In Die Lebendige Liebesflamme stellt Johannes den Weg der Reinigung der Seele vor. Ziel ist das Leben mit Gott. Dabei gebraucht er das Bild des reinigenden, verwandelnden Feuer: Wie das Feuer das Holz zum Glühen bringt und dann das Feuer entflammt, so wirkt das Feuer des Heiligen Geistes. Es reinigt und wärmt die Seele wie eine Flamme. Das Leben der Seele ist ein Fest mit dem Heiligen Geist, der die Verbindung mit Gott schafft und die Herrlichkeit Gottes aufleuchten lässt. Wo der Mensch nach Gottesliebe strebt, erfährt er, was Jesus verheißen hat: Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen! (Lk 12,49) Johannes ruft den Heiligen Geist einmal in folgender Weise an: O Flamme des Heiligen Geistes, die du mit solch innigster Zärtlichkeit den Kern meiner Seele durchdringst und sie mit deiner seligen Glut gesundbrennst![4]
Durch das Leben im Heiligen Geist werden wir Zeugen für Jesus. Das ist unser Apostolat. Ist das nicht genau der Impuls für uns Lorettos, den uns damit der hl. Johannes schenkt!
Im Empor dem Karmelberg beschreibt Johannes die Reinigung der Seele auf dem Weg zur Vollkommenheit. Diese Reinigung beginnt im Sinnenleben und setzt sich fort in den drei göttlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe. Johannes erklärt, wie die Gesinnungen, das Gedächtnis und der Wille geläutert werden.
Im 22. Kapitel des bedeutsamen Werkes Empor dem Karmelberg stellt Johannes die Frage, ob es gut und angebracht sei, Gott auf übernatürlicher Weise zu befragen. Der Wunsch nach Außergewöhnlichem und Besonderem auch hinsichtlich der Privatoffenbarungen muss geläutert werden. So schreibt Johannes über das Wortes Gottes, das uns reinigt und heiligt: Seit er uns seinen Sohn geschenkt hat, der sein Wort ist, hat Gott uns kein anderes Wort zu geben. Er hat alles zumal in diesem einen Worte gesprochen… Denn was er ehedem nur stückweise zu den Propheten geredet, das hat er nunmehr im Ganzen gesprochen, indem er uns das Ganze gab, nämlich seinen Sohn. Wer demnach jetzt noch ihn befragen oder von ihm Visionen oder Offenbarungen haben wollte, der würde nicht bloß unvernünftig handeln, sondern Gott geradezu beleidigen, weil er seine Augen nicht einzig auf Christus richten würde, ohne jegliches Verlangen nach anderen oder neuen Dingen.[5]
Es geht darum, dem Wort Gottes ganz zu vertrauen, dass es uns nicht in die Irre führt. Gott zu vertrauen bedeutet aber, nicht in allem und immer Bestätigung durch Visionen und Ereignisse zu suchen. „Gott allein genügt“ schreibt einmal Theresa von Avila und bei Johannes heißt dies: Diós, sólo Diós! Gott, Gott alleine.
In Werk Die Dunkle Nacht schreibt Johannes von der Nacht der Sinne und der Nacht des Geistes. Johannes geht wie kein anderer Theologe der Wirklichkeit der Glaubenskrise nach. Er schreibt: Die Nacht der Sinne ist nicht ungewöhnlich und wird von vielen durchlitten. „Nacht“ bedeutet bei Johannes vom Kreuz eine innere religiöse Erfahrung des Glaubens im Alltag. Sie bedeutet Läuterung, um den Menschen für das Licht Gottes bereit und fähig zu machen.
Nach der Läuterung (Nacht) der Sinne kommt die Läuterung (Nacht) des Geistes. Wenn der Mensch in den Sinnen geläutert ist, wendet er sich dem geistlichen Leben zu. Dort aber kommt es zu den Versuchungen des Geistes: Der Mensch fixiert sich auf seine religiösen Vorstellungen und auf sein eigenes Ich. Er muss nun lernen, die geistlichen Vorstellungen loszulassen. Das ist der Weg der Läuterung, wo der Mensch anstelle der Gaben Gottes den Geber dieser Gaben, Gott selber, suchen lernen muss. Es bleibt der nackte Glaube.
Der nackte Glaube hat keine Krücken und äußere Vergewisserungen mehr nötig. Johannes schreibt: Die Nacht des Geistes, die der Glaube ist, entzieht dem Menschen alles, was er verstehen und erfahren konnte. Hier erfährt der Mensch das geistige Kreuz und die Blöße der Armut vor Gott im Geiste Christi. Was der Mensch selber mit seiner Mühe und seinem guten Willen begonnen hat, muss Gott vollenden. Gott alleine ist es, den der Mensch nun handeln lassen muss: Mir geschehe nach deinem Wort, so lautet das Vorbild, das uns Maria schenkt. Auf diesem Weg der Gotteserfahrung geschieht die entscheidende Selbsterfahrung des Menschen.
Johannes ist misstrauisch gegenüber einer Frömmigkeit, die nur das Außergewöhnliche sucht. Die religiösen Hochgefühle nennt er eine geistliche Habsucht und eine vertane Zeit, ein Hängenbleiben an Äußerlichkeiten. Das kommt daher, weil er erfahren hat, dass Gefühlsstimmungen leicht in die Irre führen können. Wo Nüchternheit ist, da ist am wenigsten der Irrtum.
Johannes betont, dass wir im Glauben letztlich nur mehr Gott suchen sollen, nicht uns selber, nicht unsere Vorstellungen, nicht unsere Gefühle und Bedürfnisse. Sein Wahlspruch lautet: Diós, sólo Diós! Gott, Gott alleine! Und das Ziel aller Frömmigkeit und des Glaubens ist Unión con Diós, transformación en Díós. Einheit mit Gott, Umwandlung durch Gott.
Wenn der Mensch gereinigt wird in Glaube, Hoffnung und Liebe und Gottes Liebe in sich aufgenommen hat, liebt er im Heiligen Geist. Er macht eine Gotteserfahrung und das ist Mystik.
Johannes vom Kreuz wird als Doctor mysticus bezeichnet. Das heißt er ist der Lehrer für den Weg der Mystik.
Wie menschennah seine Frömmigkeit und Mystik ist, zeigt ein Brief, den er einer jungen Adeligen aus Granada, Dona Juana de Pedraza, über die „dunkle Nacht des Glaubens“ schreibt: Jesus sei in deiner Seele! Und Dank sei ihm, der dich mir gab. Dich, die du jetzt diese Dunkelheit und Leere geistiger Armut durchwandert, muss es so vorkommen, als hättest du alles verloren. Da ist es kein Wunder, wenn du meinst, dass auch Gott dich verlassen hat. In Wahrheit aber hast du gar nichts verloren. Wer nichts anderes sucht als Gott alleine, der geht nie total im Finstern, mag er sich auch noch so arm und im Dunkel vorkommen. Denkst du nicht auch, dass Gott dienen einfach heißt, nichts Böses tun, seine Gebote beachten und nach besten Kräften seinen Willen erfüllen? Wozu hast du, wenn du dich darum bemühst, dann noch außergewöhnliche Erleuchtungen und Erklärungen und Befriedigungen nötig, was ja auch immer Gefahren und Fallstricke in sich birgt, so dass sich die Seele an ihrer eigenen Lust und Erkenntnis berauscht und mit samt ihrer Fähigkeiten in die Irre geht. Es ist deshalb eine große Gnade Gottes, wenn er all diese deine Fähigkeiten in Armut und Dunkel versenkt, sodass du mit ihnen keine Fehler mehr begehen kannst. Und wenn du nicht mehr irren kannst, gibt es auch nichts mehr herumzurätseln.[6]
Als junger Theologe schrieb Karol Woityla, der spätere Papst Johannes Paul II., seine Doktorarbeit über Johannes vom Kreuz und seine Mystik. Johannes Paul II. war wesentlich vom Johannes vom Kreuz beeinflusst. Die im Menschen verborgenen Tiefen hat er auch anhand seiner Schriften studiert.
Die Liebe alleine ist es, die zählt. Johannes mahnt: Am Abend deines Lebens wird man dich an deiner Liebe prüfen; deshalb lerne zu verstehen, wie Gott geliebt werden will, und verlass deine Sinnesart.
Johannes ist der einzige geistliche Schriftsteller, der seine von Gott inspirierten Gedichte selber erklärt und interpretiert hat. Es geht ihm immer um Jesus, der in unserer Seele ist und es geht ihm um die Einheit mit dem dreifaltigen Gott.
Die meisten Briefe, die Johannes geschrieben hat, fängt er damit an, dass er schreibt: Jesus sei in deiner Seele!
Was uns der heilige Johannes lehrt, ist: Die Heiligkeit ist nicht unser Werk, das so schwer ist, sondern „Öffnung“: die Öffnung der Fenster unserer Seelen, damit das Licht Gottes hereinströmen kann.[7]
O Großer Gott der Liebe, unser Herr! In welchem Überfluss ergießt du deine Reichtümer in den, der nichts liebt und niemanden begehrt als dich! Dich selber gibst du ihm hin in verschmelzender Liebe! Und in solcher Verschmelzung lässt du die Seele kosten und lieben, was sie am meisten in dir begehrt und was ihr am Heilvollsten ist.
Gebet des hl. Johannes vom Kreuz[8]
geschrieben von Dr. Gerhard Viehhauser
[1]Die praktische Begabung kam ihm für die Bauarbeiten in den Klöstern später sehr zugute. Es gibt wenige erhaltene Zeichnungen von ihm, von der eine sogar Salvador Dalí als Vorlage diente. Es ist jener „Christus des heiligen Johannes vom Kreuz“ in Glasgow, der so schmerzhaft schwer am Kreuzesholz hängt, dass er es auf die Erde herabzuziehen scheint.
[2]Das unübersehbare Zeichen des erneuerten Zweiges der Karmeliten: unbekleidete Füße als lebendiger Hinweis gegen den Luxus der verbürgerlichten Christenheit auch in den Klöstern.
[3]In der Deutschen Ausgabe: Das Lied der Liebe.
[4]Johannes vom Kreuz, Sämtliche Werke 4. Band, Die lebendige Flamme, Einsiedeln 41993 S 40.
[5]Johannes vom Kreuz, Sämtliche Werke 1. Band, Empor dem Karmelberg, Einsiedeln 21977, S 169.
[6]18. Brief, in: Johannes vom Kreuz, Sämtliche Werke 4. Band, Die Lebendige Flamme. Briefe und Anweisungen, S 151f.
[7]Papst Benedikt XVI., Katechese am 16. Februar 2011.
[8]Im 9. Brief, in: Johannes vom Kreuz, Sämtliche Werke 4. Band, Die lebendige Flamme. Briefe und Anweisungen, S 137.


